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Bildende Kunst, PiP 2019

Ulla Reiss

Schwebende Luftwesen

Materialien der künstlerischen Arbeit waren anfangs vorwiegend Zweige von Platanen, später kamen Lärchenzweige und ausgemusterte Christbäume dazu. Samenstände der Waldrebe und Gras, auch sog. „Unkraut“ , z.B. Spitzwegerich oder Mädesüss inspirierten zu Raumgebilden, meist in Form von Kleidern. Ganz bewusst wurde ’nachhaltig‘ mit Grünschnitt gearbeitet. Diese Materialien sind unspektakulär, gelten als Abfall. Sie werden gewürdigt und dem Bereich von Nutzen und Kosten entzogen. Die Gestaltung ist ein feinfühliger Dialog, bei dem das Material nicht gewaltsam in eine Form gezwungen wird.

Die Arbeiten für „Poesie im Park“ sind als schwebende Luftwesen konzipiert. Da ist der Nachen aus Zweigen der Heckenrose, ein „Seelenfänger“, der an das Leid der Flüchtlingen denken lässt.

Da ist die Gruppe der Dichter, die sich mit Stacheln auf Abstand halten wie in Sartre ’s Vergleich in ‚Geschlossene Gesellschaft‘ mit den Stachelschweinen (‚die Hölle sind die Anderen‘); der feste Boden mit den Worten scheint ihnen zu entgleiten. Aus Brennnesseln und Zweigen der Haselnuss entstehen Fabelpflanzen unbekannter Arten, die in Bäumen hängen.

Ich erlebe Raum, sinnlich als Da-sein, ein energiegeladenes, atmendes Wesen mit schwebendem Potential, er hebt ihre materielle Schwere auf und öffnet der Intuition Räume von poetischer Zerbrechlichkeit, sehnsüchtiger Erinnerung und fragiler Transparenz.